Haus St. Raphael, Information Nr.28

88499 Heiligkreuztal, im Advent 2017

Liebe Freunde,

Gott ist Mensch geworden in der Stille, er ist geboren in einem Stall. Das ist, was wir an Weihnachten feiern: die Stille unseres Gottes. Dreißig Jahre lang drang das Wort Gottes, das Fleisch geworden ist, nicht über das kleine Dorf Nazaret hinaus. In den drei Jahren seiner öffentlichen Wirksamkeit zog sich Jesus oft in die Stille zurück, um mit seinem Vater allein zu sein. Auch als Mensch blieb Gott ein Geheimnis der Stille. „Wenn du es verstehst, ist es nicht Gott“, sagt  der hl. Augustinus.

Kardinal Sarah schreibt in seinem jüngsten Buch Kraft der Stille, die Stille drängt sich nicht auf. Sie ist aber auch nicht nur die Abwesenheit von Lärm. Sie ist der Weg zum Geheimnis Gottes. Und Gott wohnt in unserem Herzen. Je näher wir dem Fest der Menschwerdung Gottes kommen, desto mehr versucht der Lärm, uns an der Stille zu hindern. Denn es gibt nicht nur den ohrenbetäubenden Lärm der Märkte, der Medien und des Geschwätzes, es gibt auch den die Augen blendenden Lärm des Blitzens, Funkelns und Flimmerns,  des Glitzerns, Blinkens und Strahlens, der bestialischen Fotos und grausamen Videos – und es gibt den Lärm der Leidenschaften: Hass, Neid und Eifersucht, Misstrauen und Enttäuschung, Versagen und Verbitterung. Papst Benedikt XVI. sagt in einer Predigt: „Jeder Raum, jeder Augenblick scheint mit Initiativen, Aktivitäten, Geräuschen erfüllt (…) Fürchten wir uns nicht, alles um uns und in uns still werden zu lassen, wenn wir fähig sein wollen, nicht nur die Stimme Gottes wahrzunehmen, sondern auch die Stimme des Nächsten“.

Ohne die Fähigkeit, still zu werden, ist der Mensch nicht in der Lage, seine Umwelt zu verstehen und zu lieben.  Nächstenliebe wächst aus der Stille. Sie entspringt einem Herzen, das fähig ist, zuzuhören und aufzunehmen. Die Stille des Herzens entsteht durch das Schweigen unserer Leidenschaften. Sie befähigt den Menschen, sich von Gott führen zu lassen. Durch die Stille Gottes gelangen wir zur menschlichen Stille. In der Stille wird die Freude Gottes zu unserer Freude. Vor Gott still sein bedeutet, Gott ähnlich  werden. In der Stille wächst der Glaube an das Wort Gottes, das Fleisch geworden ist. Abhängigkeit von vielen Worten ist ein Zeichen des Zweifels. Kleingläubigkeit macht sich bemerkbar durch Geschwätzigkeit.

Stille und Gebet sind keine Flucht vor der Wirklichkeit. Sie führen den Menschen zur Höhe Gottes. Das Gebet ist ein Vorgeschmack des Himmels. Uns dem Himmel anzuvertrauen, ist kein Abfall von der Erde. Die Stille des Gebets ist wichtiger als jedes Werk, denn in der Stille offenbart sich Gott. Die Stille Gottes schenkt uns den Mut zum Wagnis. Wäre die  Herrschaft des Kommunismus zu Fall gekommen ohne das stille Gebet Johannes Paul II. zu Unserer Lieben Frau von Fatima? Das war seine Antwort auf das Attentat auf sein Leben.

 Gott wurde Mensch in einem Stall. Jesus wurde in der größten Armut geboren, aber gleichzeitig auch im Reichtum der Stille. Das ist, was wir an Weihnachten feiern dürfen. Mit der Menschwerdung Gottes ist uns das Größte und Schönste geschenkt: der Glaube an die Stille in Gottes Menschlichkeit. Nicht das Verstehen ist wesentlich am Glauben, sondern unsere Sehnsucht nach der Stille – und nach der Weite des Raumes, den uns die Stille eröffnet.

 Im Haus St. Raphael versuchen wir, die Stille und die Liebe Gottes im menschlichen Miteinander zu erleben. Die Feier der Eucharistie, der Eucharistischen Anbetung, des Stundengebetes der Kirche und die tägliche Arbeit helfen uns dabei. Wir sind dankbar für jedes sichtbare Zeichen der unsichtbaren Liebe Gottes. Was wir zum Leben brauchen, bekommen wir geschenkt. Was wir zu viel haben, teilen wir mit anderen. Der wertvollste Grund zur Dankbarkeit bleibt, die Stille und die Barmherzigkeit Gottes in der Güte der Menschen zu erleben: im Empfangen und Geben, im Mitbeten, Mitdenken, Mitarbeiten oder einfach im Teilen des täglichen Brotes. Und mit diesen Gaben werden wir immer wieder neu beschenkt.

Vielleicht möchten auch Sie das Geheimnis der Stille Gottes durch die Teilhabe an der Eucharistie neu erkennen?  Hier finden Sie das Programm der Seminarreihe 2018. Zu danken haben wir erneut Herrn Pfarrer Msgr. Heinrich-Maria Burkard, Leiter des Geistlichen Zentrums Heiligkreuztal, ohne dessen Bereitschaft zur Mitwirkung diese Seminarreihe nicht zustande gekommen wäre.

Wir vertrauen auf Ihr Gebet für uns und versichern Sie unseres Gebetes für Sie.

Mit herzlichen Grüßen aus dem Haus St. Raphael in Heiligkreuztal,

 

P. Dr. theol. Michael Marsch O.P.
Leiter des Hauses St. Raphael